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Mentale Infrastrukturen oder Die Autobahn im Kopf

Der Begriff Mentale Infrastrukturen wurde von dem Sozialpsychologen Harald Welzer geprägt und z.B. in die Postwachstums-Debatte eingebracht, um die Rolle von Denkmustern und kulturellen Praktiken für gesellschaftliche Veränderungen zu beleuchten.
Wir verstehen den Begriff im Rahmen unserer Workshops als Schlüsselbegriff transformativer Lernprozesse und beziehen ihn auf das Bildungswesen in einer Transformationsgesellschaft, aber auch auf unseren gesamten Lebens- und Wirtschaftsstil. Dabei geht es um die Frage, welche historisch gewachsenen Denkmuster uns heute in Europa prägen und grundlegende Orientierungen stützen, ohne dass wir es selbst merken. Um den Begriff besser zu verstehen, hilft es, sich zunächst klarzumachen, was Infrastrukturen eigentlich sind.
Infrastrukturen haben eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, sie ermöglichen erst die mehr oder weniger reibungslose Organisation und Versorgung vieler Menschen. Sie geben Orientierung und vereinfachen das Leben. Man kann zwischen materiellen, institutionellen und mentalen Infrastrukturen unterscheiden.
•    Materielle Infrastrukturen, das sind z. B. Straßen, Supermärkte oder Stromnetze.
•    Institutionelle Infrastrukturen sind Strukturen wie das politische System, Gesetze und Gerichte, Schulen und Hochschulen usw.
•    Mentale Infrastrukturen, das sind geteilte Denk- und Vorstellungsmuster einer Gesellschaft. Darunter fallen grundlegende Werte, aber auch implizite Regeln und kulturelle Praktiken, geteilte Geschichten eines Literaturkanons und gemeinsame ästhetische Vorstellungen usw.


Mentale Infrastrukturen helfen uns, bei der Orientierung in einer Gesellschaft oder in gesellschaftlichen Systemen, wie z.B. dem Bildungssystem, oder dem Sytem der Erwerbsarbeit. So können wir uns mehr oder weniger leicht verständigen, weil wir ähnliche Vorstellungen von der Welt oder davon, wie sie sein soll, haben, an die man anknüpfen kann.


Infrastrukturen haben viele Vorteile. Gleichzeitig sind sie aber auch eine Festlegung. Nehemn wir das Bild der Autobahn: Sie erleichtert das schnelle Fortkommen von A nach B. Doch sobald sie einmal gebaut ist, werden die anderen Straßen weniger oder gar nicht mehr befahren. Das wird noch unterstützt dadurch, dass die Autobahn regelmäßiger gewartet wird, weil sich das bei der Autobahn mehr lohnt als bei den kleinen Landstraßen. Andere Wege von A nach B, die ebenfalls mögliche Routen sind, werden somit immer unattraktiver und geraten in Vergessenheit, obwohl sie vielleicht landschaftlich viel reizvoller sind oder durch den geringeren Verkehr gar nicht so viel langsamer, als man denkt. Die Autobahn erscheint uns zunehmend als einziger verfügbarer Weg.

 

Infrastrukturen im Allgemeinen – und damit auch mentale Infrastrukturen – sind prinzipiell notwendig. Der Begriff „Mentale Infrastrukturen“ ist somit zunächst einmal wertneutral. Gesellschaften werden immer mentale Infrastrukturen haben, die Frage ist nur: Welche? Und welche mentalen Infrastrukturen verhindern, dass wir andere, z. B. nachhaltigere Nebenstraßen, gar nicht mehr sehen?


Ein zentrales Merkmal von mentalen Infrastrukturen ist, dass sie uns nicht bewusst sind. Es sind Denkstrukturen und Sichtweisen, die für uns so normal, so selbstverständlich und natürlich erscheinen, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, obwohl sie in vielen Fällen noch gar nicht so alt sind.


In allen Lebensbereichen basieren bestimmte Rituale und Regelungen auf solchen mentalen Infrastrukturen. Leider sind sie auch dann noch sehr stabil, wenn sie längst dysfunktional geworden sind. Sie verharren so, als wären sie wie in einem elektronischen Schaltkreis fest verdrahtet. Dann hindern sie uns daran, Alternativen zu denken und umzusetzen. Viele unhinterfragten Werte und Praktiken hängen mit dieser Grundstruktur zusammen. Es lohnt sich also, sich diese Denkstrukturen bewusst zu machen und zu hinterfragen.