Neue Übergangsgesellschaft

Transformation

Eine Transformation der sich in unendlichem Wachstum wähnenden Gesellschaften in eine Richtung, die den Erfordernissen einer reduktiven Moderne gerecht wird, ist nur mit einer entsprechenden Kultivierung möglich. Kultivierung meint nicht nur die ökonomischen und institutionellen Strukturen der Gesellschaft, sondern die Transformation unserer mentalen Infrastrukturen. Kultur ist hier gemeint als „die Art und Weise wie wir leben, arbeiten und wirtschaften“, als „jene Normalitäten, mit denen wir aufwachsen, jene Denk- und Handlungsweisen, durch die wir geprägt wurden, jene Abläufe und Routinen, die wir ‚automatisiert’ haben.“ 1) Die Wachstumgesellschaft hat sich so tief in unser ganzes in-der-Welt-Sein, in unser Selbst- und Weltverhältnis eingeschrieben, dass eine Transformation der Gesellschaft ohne die Besinnung auf diesen Prozess kaum vorstellbar ist. Die Erfordernisse einer entsprechenden Übergangsgesellschaft sind unter anderem von der Transition-Bewegung erkannt worden. Transition bedeutet Übergang und die Bereitschaft, dem Zwischen, dem schon-nicht-mehr-aber-noch-nicht, dem transire (Hinübergehen) einen eigenen Stellenwert beizumessen. Eine gelingende Übergangsgesellschaft in diesem Sinne wird die Brücken in die Zukunft nicht schnell überqueren und hinter sich lassen, sondern sie wird sie bewohnen und gestalten. Der Übergang ist nicht das Jammertal einer lästig zu bewältigenden Mühe, sondern die Lebensform einer säkularen Ethik mit eigener Würde. Wenn diese Brücken, diese Übergänge in die Zukunft - wie auch immer sie aussehen sollen - nicht lebenswert sind, dann wird die Zukunft es auch nicht sein.
Der aktuelle Transformationsdiskurs vermittelt bisher kaum mehr als ein diffuses Ensemble von Mobilisierungen, wobei bestimmte ökonomische, politische und technikzentrierte Formen vorherrschen. Dem „rasenden Stillstand“ (Paul Virillo) der Gesellschaft wird auf diese Weise nur eine weitere Variante der Beschleunigung hinzugefügt; von Transformation im Sinne der Verabschiedung alter Pfadabhängigkeiten ist nur wenig zu spüren.
Transformatives Lernen ist eine grundlegende emanzipatorische Alternative zu den hektischen ideologisch aufgeladenen Mobilisierungsformen.

1) Thomas Haderlapp, Rita Trattnigg: Zukunftsfähigkeit ist eine Frage der Kultur. Hemmnisse, Widersprüche und Gelingensfaktoren des kulturellen Wandels. München: ökom 2013. S. 113