Wissen und Praxis

Auf die Frage "Was war denn mit Euch los damals? Ihr wusstet alles, wieso geschah nichts?"werden wir folgende Geschichte erzählt haben:
"Wir lebten in einer Zeit, in der ein mentaler Zustand vorherrschte, den die Philosophen seit mehr als zwei Jahrtausenden wohl am ehesten als Akrasia bezeichnet hätten. Akraisa ist das alte philosophische Wort für das Phänomen, dass Menschen etwas wider besseres Wissen tun, oder anders gesprochen: dass sie wissen, was gut oder wenigstens besser wäre, aber dennoch etwas völlig anderes praktizieren.  (griechisch ἀκρασία akrasia, lateinisch incontinentia, Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Unmäßigkeit, Handeln wider besseres Wissen). Ein Philosoph mit Namen Peter Sloterdijk hatte damals, so um das Jahr 2010, einen Satz aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1908 als Buchtitel zitiert und angemerkt, dass dieser Satz (der eigentlich nur eine individuelle blitzartige Erkenntnis darstellt) zum Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden sei, nämlich angesichts der Erkenntnis, dass es so (wie damals) nicht weitergehen konnte. Diese Erkenntnis lautete: Du musst dein Leben ändern. Wir mussten jedoch vom Leben ändern zum Ändern leben gelangen. Das war schwerer als man sich das bis dahin vorstellte. Mentale Infrastrukturen, wie Wegwerfreflexe aller Art, Wachstumsfetischisierung, Beschleunigungsstreben usw. stellten sich als äußerst stabil dar. Während die lateinische Übersetzung andeutet, dass der Akrasia ein Drang zugrunde liegt, etwas zu tun, wozu es einen drängt, obwohl man weiß, dass man es lassen sollte, zeichnete sich der Zustand der Menschen dadurch aus, dass sie nicht das taten, wovon sie wussten, dass sie es tun sollten. Also quasie eine Art ungekehrte Akrasia, eine Unterlassungsstarre, die gerade das verhinderte, wozu es viele schon drängte. Dies zu überwinden, war das größte Problem. Der Wissensbegriff, damals noch rein kognitiv definiert, beinhaltetet die Vorstellung, dass Fakten, die gelesen oder auf irgendeinem Wege wahrgenommen und verstandesmäßig nachvollzogen wurden, als Wissen zu gelten haben. Der Wissensbegriff der 21. Jahrhunderts entwickelte sich erst im Laufe der 20er Jahre zu unserem heutigen Wissensbegriff. Dazu trug auch die Schulreform bei, die nicht von oben, sondern von zivilgesellschaftichen Bewegungen erzwungen wurde. Heute sagen wir: Wissen, welches, obwohl es für die Praxis bestimmt ist, in der Praxis konsequenzenlos bleibt, ist auch nicht gewußt. Es stellt also kein Wissen dar, wie wir heute Wissen definieren. Heute ist jedem Mensche klar: Wissen ist Erkenntnis in Aktion. Oder um es in der Sprache des alten Wissensbegriffs zu sagen: Das Handeln wider besseres Wissen ist eigentlich gar nicht möglich, denn es bedeutet nur, dass ich mein Wissen, meine Bezogenheit auf die Fakten, nicht richtig weiß, sondern denke: Trotz dieses Wissens gibt es noch eine Faktenebene, in der ich weiter gegen mein Wissen handeln kann. Die Pressesprecherin eines amerikanischen Präsidenten nannte dies am Ende des zweiten Jahrzehnts unseres Jahrhnunderts in einem Interview einmal "alternative Fakten". Der kantsche Wahlspruch der Aufklärung hatte bis ins 20. Jahrhunderts eine kognitivistische Betonung: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Im Laufe des 21. Jahrhunderts wurde klar, dass die Betonung anders lauten musste: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu  b e d i e n e n!" Die Praxis als Erkenntnis in Aktion wurde damit viel wichtiger als bis dahin. Als gebildet galten seit dem nur noch jene, die vor den praktischen Konsequenzen ihres theoretischen Wissens die Augen nicht verschlossen. Und, was noch viel wichtiger war: Das Lernen in diesem Sinne von Wissen wurde als die entscheidende Mobilisierungsform der Demokratie wiederentdeckt. Man konnte ganz klar unterscheiden zwischen jenen, die ihre Meinung stur beibehielten, obwohl die Fakten ein Umlernen erforderten, also jenen, die im heutigen Sinne kein Wissen hatten, und jenen, die das Umlernen hin zum Wissen in Aktion als - wenn auch oft anstrengende, so doch erstrebenswerte - Möglichkeit für sich entdeckten. Die Menschen, besonders jene in verantwortlichen Positionen, befanden sich bis dahin in einem Zustand der inneren Konversion. Der alte Glaube, z.B. an endloses Wachstum, oder daran, dass Gelehrtheit an sich schon Bildung sei, schien ihnen zwar längst obsolet, aber den Schritt zur konsequenten Transformation machten sie noch nicht, aus Angst, sie würden dann nicht mehr gewählt, oder sie erlitten einen Karriereknick, oder sie verlören ihre oft privilegierte Rolle in der Gesellschaft usw. Erst als ihre Schüler*innen, Studierenden, Wähler*innen und Auftraggeber*innen deutlichmachten, dass sie sich etwas mehr trauen sollen, wechselten sie in das "Lager" derer, die schon seit Jahrzehnten an der Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft arbeiteten und z.B. die Spirale der permanenten Aufwandserhöhung infrage stellten. Es beinhaltete eine enorme Überwindung für die Älteren und eine große Anstrengung für die Jüngeren, sich aus den in Bildungssystemen, Ökonomie und Politik festgeschriebenen Lähmungsritualen zu lösen. Einer der wichtigen Impulsgeber bei dieser Entwicklung war eine Stiftung, die im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahnunderts in Europa gegründet wurde, und die diesen Wissenbegriff, ohne es explizit zu propagieren, beförderte: Die Stiftung futurzwei ".