Philosophie

Als Philosophie soll hier jene Denkform verstanden werden, deren Traditon in der griechischen Antike begann. Sie wurde in schriftlichen Zeugnissen überliefert durch das Christentum, die islamischen Gelehrten in Spanien und durch die im Zuge der Eroberung Konstantinopels (Istanbul) 1453 nach Florenz emigrierenden Philosophen, die dort eine Platonische Akademie gründeten. Insbesondere der letztgenannte Überlieferungsstrom beförderte von Oberitalien aus und im Zuge der Bedeutung Oberitaliens im europäischen Handel die Rennaicance in Europa. Nachdem schon das Spätmittelalter in den nach und nach gegründeten Universitäten(1) eine gewisse Freiheit des Denkens entwickelt hatte, beflügelte die platonische Tradition wie auch die mathematischen Verfahren und z.B. auch das medizinische Wissen arabischer Gelehrter(2) aber auch die ars mercatoria (das handelsbezogene Rechnen) und die astronomische Forschung das freie Denken sowie die Entwicklung empirischer und zugleich mathematischer Wissenschaft zu einer breiten Strömung, auf der die gesamte moderne Wissenschaft gründet.
Die Philosophie ist eine der merkwürdigsten Formen von Kontinuität in dieser Tradition, die wir doch zugleich als eine Geschichte der Wendungen und Paradigmenwechsel verstehen. Über alle großen Neuerungen im Laufe der Geschichte hinweg hat sie die Möglichkeit eröffnet, Vergangenes zu verstehen und zugleich für die Gegenwart produktiv zu machen.
Zugleich stellt die Philosophie aber auch die Irritationskultur mit der längsten Traditon in Europa dar. Die idealtypische Urform der produktiven Irritation, und somit des transformativen Bildungserlebnisses, finden wir in Platons Dialog Theaitetos. In diesem Dialog erlebt der Schüler des Sokrates einen Lernprozess zugleich als Erschütterung der Fundamente seines gesamten in-der-Welt-Seins. Diese Erschütterung ist als das philosophische Staunen in den Traditonsbestand der gesamten abendländischen Philosophie und Wissenschaft eingegangen.(3) Ein wenig mehr von diesem Staunen - das übrigens nichts mit Spektakel zu tun hat und nicht identisch ist mit Neugier - wäre heute schon ein großer Schritt.
Wenn seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit anderen Kulturen z.B. von afrikanischer Philosophie oder von indischer oder chinesischer Philosophie gesprochen wird, dann hat dies zwar seine Berechtigung, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Traditionen, wenn sie nicht durch europäische Kultureinflüsse dominiert wurden, völlig anderer Art sind. Eine strikte Trennung zwischen der Philosophie aus der o.g. Tradition und Weisheitslehren sowie Denkformen anderer Kulturen läßt sich zwar nicht begründen, da Einflüsse in unterschiedlicher Form und Intensität stets bestanden, aber die gelegentlich unkritische Identifikation fremder Traditionen mit dem, was Europa während langen Jahrhunderten unter Philosophie verstand, führt zu eurozentrischen Interpretationen und Bewertungsmaßstäben, die einer differenzierten Betrachtung eher hinderlich sind.

Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, dass Philosophinnen und Philosophen am meisten aus Büchern anderer Philosophinnen und Philosophen lernen können. Eine Philosophie nur von und für Philosophen wäre wie eine Physik nur für Physiker, eine Medizin nur für Ärzte und eine Musik nur für Musiker, usw.

Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass Philosophie vor allem eine Frage der Distanz zur Praxis sei, bzw. umgekehrt, dass die Involviertheit in das praktische Leben dem Philosophischen abträglich sei. Die kritische Distanz zu den Vorgaben der Praxis ist methodischer Natur und insofern unerlässlich. Dass sie Ziel und hervorgehobener Inhalt der Philosophie sein müsse, ist ein geschichtsmächtiges Missverständnis. Es ist aufgabe der Philosophie heute, unbekümmert vom Argwohn der Autoritäten selbst zu denken. Philosophie darf Phasen der Distanz beinhalten und Phasen der Involviertheit in praktische Prozesse.

Philosophie klingt heute oft banal, wenn sie sich nach praxisfernen Überlegungen der Praxis zuwendet. Sie produziert dann nicht selten oberflächliche Volksweisheiten, oder bestätigt solche lediglich. Dies liegt daran, dass die alltägliche Praxis selbst voll ist von quasimetaphysischen Ritualen und Vorannahmen. Für die Metaphysik der alltäglichen Praxis ist die Philosophie oft blind.

Das Zusammendenken, das Unterscheiden und das Denken in Übergängen gehören zu den wichtigsten Grundkompetenzen in einer Transformationsgesellschaft. Philosophie ist bis heute eine der bedeutendsten geschichtlichen Erscheinungsweisen dieser Kompetenzen. Ihre Besonderheit geht schon aus ihrer Bezeichnung hervor. Philosophie bedeutet nämlich nicht Weisheit (das wäre sophia), sondern Liebe zur Weisheit. Das heißt: Philosophieren ist nicht die Demonstration von Weisheit, sondern von Weisheitsstreben. Darin liegt die Bescheidenheit begründet, die einzuhalten wir uns verpflichten, wenn wir philosophieren. Denken wird totalitär, wenn es diese Bescheidenheit aufgibt.

_________________
1) Universität Bologna (1088), Universität von Paris (1160), Universität Oxford (1167), Universität Cambridge (1209), Universität Palencia (1212), Universität von Salamanca (1218), Universität Montpellier (1220), Universität Padua (1222), Universität Toulouse (1229) und die Universität Orléans (1235)
2) So wurde neben anderen mathematischen Texten der Araber z.B. die Algebra des al-Chwarizmi, eines muslimischen Gelehrten und Namensgeber des „Algorithmus“ - einer Methode, auf deren Prinzipien noch heute all unsere Datenverarbeitung beruht - von dem englischen Arabisten und Mathematiker Robert von Chester 1145 ins Lateinische übersetzt. Es gab zu dieser Zeit viele Übersetzungen vom Arabischen ins Lateinische, so auch die Überstzungen von Gerhard von Cremona *1114 - † 1187, der neben der Algebra von al-Chwarizmi auch die medizinischen Schriften von Avicenna (Ibn-Sina) übersetzte.

(3) Das Staunen, welches von der Philosophie insbeondere als das philosophische Staunen verstanden wird, ist selbst genau genommen noch kein philosophisches Staunen. Es ist genau genommen in allen Bereichen unseres Lebens präsent, und ist in Religion, bildender Kunst, Musik und Literatur dokumentiert. (Vgl. Stefan Matuschek, Über das Staunen. Eine ideengeschichtliche Analyse. Tübingen 1991)